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ZELLULOID - Austellung in Frankfurt

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In einem abwechslungsreichen Parcours zeigt die SCHIRN KUNSTHALLE herausragende Beispiele des
„Films ohne Kamera“ und präsentiert damit eine besondere Form des künstlerischen Experimentalfilms,
bei der das Bild durch direkte Bearbeitung des Filmmaterials entsteht. Unter Anwendung vielfältiger ku?nstlerischer
Verfahren wird das Zelluloid hier gleichsam als Leinwand interpretiert: Die Künstler malen oder
zeichnen, greifen etwa durch Kratzen oder Ritzen in die empfindliche Emulsionsschicht des Filmstreifens ein
oder nutzen Techniken der Collage. Sie setzen den fragilen Bildträger heftigen chemischen oder physikalischen
Einwirkungen aus oder belichten ihn direkt. Es ist diese direkte, handwerkliche Bearbeitung des Filmstreifens,
die diese Arbeiten von anderen Formen des künstlerischen und experimentellen Films unterscheidet
und ihren unverwechselbaren Charakter ausmacht. Eine u?berwiegende Anzahl der gezeigten Filme erforscht
das Zelluloid auch als Tonträger. Viele der Arbeiten stehen dabei in der Tradition der sogenannten visuellen
Musik. Zum Teil nehmen sie die Ästhetiken heutiger Musikvideos und Werbespots vorweg. Mit 28 Werken von 21 internationalen Künstlern und Filmemachern breitet die SCHIRN KUNSTHALLE ein Panorama von den 1930er-Jahren bis in die Gegenwart aus.

Das Auftragen von Farbe auf Zelluloid zur Kolorierung von Schwarz-Weiß-Filmen war als handwerkliche
Praxis bereits seit den ersten Tagen der Kinematografie gängig. Doch erst mit Beginn der filmischen Avantgarde
wurden Versuche mit Farbe und Klarfilm auch als generatives Prinzip der Filmherstellung relevant.
Als eigentliche Pioniere des sogenannten „direct film“ oder „cameraless film“ gelten der Neuseeländer
Len Lye (1901–1980) sowie der gebuürtige Schotte Norman McLaren (1914–1987), die Mitte der 1930er-Jahre
in Großbritannien mit unterschiedlichen Ansätzen begannen, die Möglichkeiten des „Films ohne Kamera“
systematischer zu ergru?nden, und deren Werke für nachfolgende Filmkünstler wegweisend wurden.
Len Lyes Film „A Colour Box“ entstand 1935 durch Malerei und Schablonenkolorationen abstrakter Formen
direkt auf den Filmstreifen und gilt als eine Art Gründungswerk des „Films ohne Kamera“. Zu populärer
lateinamerikanischer Musik synchronisiert, unterschied sich dieser Film durch seine schillernde Farbkraft,
seine ungewöhnlichen Texturen sowie ein charakteristisches Vibrieren und Pulsieren des projizierten Bildes
von allem bis dahin Bekannten im Bereich des künstlerischen Films.


Die Tradition des „direct film“ wurde insbesondere im amerikanischen Avantgardefilm der Nachkriegszeit
weitergeführt. Hier ist der Künstler, Filmemacher, Folkmusik-Sammler und Okkultist Harry Smith (1923–1991)
einer der schillerndsten Protagonisten des Genres. Im handgemalten Film entdeckt er Ende der 1940er-
Jahre die Möglichkeit, seine mystisch inspirierte Malerei mit seinem Interesse für Musik zusammenzuführen.
Geprägt vom Werk und den Theorien Wassily Kandinskys, von Drogenerfahrungen wie von östlicher
Philosophie schuf er mittels Malerei und aufwendiger Stempelverfahren eine Reihe abstrakter Filme von
eindrucksvoller Komplexität, deren rhythmisch pulsierende Formen und Farben sinnenübergreifende, protopsychedelische Bildwelten erzeugen.

Auch der amerikanische Filmemacher Stan Brakhage (1933–2003) – zweifellos eine der zentralen Figuren
des experimentellen Films überhaupt – hat sich in unterschiedlichen Phasen seines rund 50 Jahre
umspannenden Schaffens immer wieder mit Verfahren des kameralosen Films beschäftigt. Bereits der
1963 entstandene Film „Mothlight“, eine radikal subjektive Meditation u?ber Leben und Tod, bezieht seine
Wirkungsmacht aus dem direkten, kameralosen Bildverfahren. Die tanzend-flackernde Komposition aus
Mottenflügeln, Gräsern, Blüten und Blättern gilt heute als einer der wenigen Klassiker des Experimentalfilms
und ist als ein Schlüsselwerk in der Geschichte des „direct film“ anzusehen. Hier werden erstmals materielle
Objekte selbst zur visuellen Substanz des Filmbildes. Im Sinne einer ku?nstlerischen Collage ordnete Brakhage
die lichtdurchlässigen Insektenflu?gel, musikalischen Grundregeln folgend, auf transparenten Filmstreifen an
und erzeugte auf diese Weise filmische Bilder – Strukturen, Formen und Farben von fragiler Schönheit –,
die sich mit einer Kamera so kaum einfangen ließen.

Weitere Infos: www.schirn.de/zelluloid

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schmalfilm 6/2011

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